Ein Trainerwechsel allein löst das Problem nicht.
Ein neuer Gesundheitsminister kann die strukturellen Probleme nicht lösen, wenn das GKV Sparpaket selbst die ambulante Versorgung schwächt. Das sogenannte Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz droht in Wahrheit zu einem Gesundheitsversorgungs-Schwächungsgesetz zu werden.
Die ambulante Medizin ist der tragende Pfeiler unseres Gesundheitswesens. Sie versorgt 97 Prozent aller Behandlungsfälle – mit nur 16 Prozent der Gesamtausgaben. Effizienter geht es kaum. Wer hier weiter spart, spart an der falschen Stelle.
Wer eine funktionierende Struktur schwächt, gefährdet Kostenstabilität, Versorgungssicherheit, bestehende Praxen in der ambulanten Medizin und den medizinischen Nachwuchs.
Niemand würde bei einer Brücke einen tragenden Pfeiler entfernen und behaupten, das spare Geld. Jeder Statiker würde warnen: Das Bauwerk verliert seine Stabilität und stürzt ein. Genau das geschieht derzeit im Gesundheitswesen. Der tragende Pfeiler – die ambulante Versorgung – wird ausgehöhlt.
Ausgerechnet auf der Hauptverkehrsstraße der medizinischen Versorgung, dort, wo täglich die größte Last getragen wird, werden Kapazitäten verengt. Das Ergebnis sind weniger Termine, längere Wartezeiten und eine zunehmende Abwanderung des Nachwuchses. Kein Mensch kann dauerhaft mehr arbeiten und dafür weniger erhalten. Das ist weder wirtschaftlich noch ethisch vertretbar.
Die Folgen werden die Patientinnen und Patienten unmittelbar spüren. Vor den Praxen werden die Warteschlangen länger, während die Frage immer lauter wird: Warum funktioniert heute schlechter, was gestern noch funktioniert hat? Warum wird an der effizientesten Versorgungsstruktur gespart, obwohl sie den größten Teil der Versorgung übernimmt?
Diese Entwicklung birgt auch politischen Sprengstoff. Wenn Menschen keine Arzttermine mehr bekommen, verlieren sie Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der politischen Mitte. Davon profitieren am Ende diejenigen politischen Kräfte der Ränder, die einfache Antworten versprechen. Wer die ambulante Versorgung schwächt, riskiert nicht nur Versorgungslücken, sondern auch einen weiteren Vertrauensverlust in die Demokratie.
Deshalb braucht es jetzt ein klares Signal: Die ambulante Medizin muss gestärkt und darf nicht geschwächt werden. Sie ist und bleibt das Rückgrat der deutschen Gesundheitsversorgung. Die ambulante Medizin verlangt keine Privilegien, sondern Fairness: Wer die Versorgung leistet, muss dafür angemessen vollständig vergütet werden.
97 Prozent der Fälle werden bereits heute mit nur 16 Prozent der Gesamtkosten versorgt. Wer glaubt, gerade dort ließen sich noch erhebliche Einsparungen erzielen, gefährdet am Ende das gesamte System. Oder, um es mit einem bekannten Handwerkerspruch zu sagen: „Nach fest kommt ab.“
Dann ist die Stellschraube kaputt und die Versorgung auch.
V.i.S.d.P.
Dr. med. Thomas Carl Stiller