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Die deutsche Wirtschaft krankt nicht an der Krankschreibung.

Die aktuelle Debatte über die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung geht am eigentlichen Problem vorbei. Wer glaubt, die deutsche Wirtschaft lasse sich über strengere Regeln für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ankurbeln, verkennt die Realität in unseren Arztpraxen.

Als Hausarzt erlebe ich jeden Tag etwas anderes: Die überwältigende Mehrheit der Menschen kommt ohnehin persönlich in die Praxis. Die telefonische Krankschreibung war nie ein Massenphänomen. Sie war eine pragmatische Ausnahme – keine Einladung zum Missbrauch.

Vor allem aber zeigt die Diskussion ein tiefes Misstrauen gegenüber den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern dieses Landes. Die meisten Menschen gehen äußerst verantwortungsvoll mit einer Krankschreibung um. Sie wissen, was Arbeit bedeutet. Viele machen sich eher Sorgen um ihren Arbeitsplatz, als dass sie leichtfertig zu Hause bleiben würden.

Dieses Misstrauen trifft indirekt auch uns Ärztinnen und Ärzte. Denn jede Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist eine medizinische Entscheidung – keine Gefälligkeit und kein politisches Instrument. Wir stellen sie sorgfältig, verantwortungsvoll und nach klaren medizinischen Kriterien aus.

Gesundheit ist kein Spielball der Politik und keine Verhandlungsmasse für wirtschaftspolitische Symbolik. Gesundheit ist die Grundlage von Freiheit, Leistungsfähigkeit und wirtschaftlicher Stärke. Wer krank ist, kann weder produktiv arbeiten noch die Wirtschaft voranbringen.

Neue Hürden für kranke Menschen schaffen keine gesündere Bevölkerung und keinen stärkeren Wirtschaftsstandort. Sie schaffen mehr Bürokratie, mehr Misstrauen und mehr Belastung – für Patientinnen und Patienten ebenso wie für Arztpraxen.

Die Bundesregierung sollte auf den Goldstandard unseres Gesundheitswesens vertrauen: Die Arzt-Patienten-Beziehung. Dort wird täglich verantwortungsvoll entschieden – individuell, medizinisch fundiert und im Interesse der Menschen.

Die Ärztinnen und Ärzte dieses Landes lassen Deutschland nicht im Stich. Unsere Patientinnen und Patienten übrigens auch nicht.

V.i.S.d.P.

Dr. med. Thomas Carl Stiller